15. November 2020

Volkstrauertag

Liebe Bürgerinnen und Bürger,

die letzten Jahre habe ich mir beim Volkstrauertag immer gedacht, was ich wohl sagen würde, wenn ich dort stehen würde, wo ich nun stehe. Nun ist es soweit und alles ist anders. Versammlungen sind untersagt. Das gemeinsame Gedenken, so wie es in der Vergangenheit stattgefunden hat, fällt aus. Das ist auf der einen Seite bitter. Bitter wie so vieles, was wir in diesem Jahre bereits erlebt haben.

Auf der anderen Seite gewinnt ein solcher Tag plötzlich auch eine neue Bedeutung. Viele von uns haben zum ersten Mal erfahren, was es heißt, wenn die gewohnte Freiheit und die gewohnten Rechte eingeschränkt werden. In Ansätzen wird es uns möglich zu verstehen, was es bedeutet, wenn der Staat plötzlich Zwang ausübt. Auch wenn es zu unser aller Wohl passiert. Es wird deutlich, welch hohes Gut Freiheit und Rechte in einer Demokratie sind und wie schnell diese verloren gehen können. Ein Vergleich der Zeiten von Elend und Not, denen wir Gedenken, mit unserer Gegenwart, verbietet sich zwar. Auch wenn einige wenige, das zu propagieren und auszunutzen versuchen.

Aber ein anderer Blick auf die uns selbstverständlich gewordenen Rechte und Freiheiten unserer Demokratie wird möglich. Denn Erfahrung ist ein Licht, dass nur sich selbst erhellt. So wird es möglich zu verstehen, warum es so wichtig ist, sich zu engagieren, sich einzubringen und vor allem genau hinzusehen. Demokratie ist niemals selbstverständlich. Das darf uns beim heutigen Gedenken an die finsteren Zeiten in unserem Lande durchaus bewusst werden. Auch dann, wenn uns der Blick zurück eindringlich vor Augen führt: trotz allem leben wir in einer Zeit, in denen es uns weit besser geht, als wir glauben. Auch das darf uns beim heutigen Gedenken durchaus bewusst werden.

Wir gedenken an diesem Tag der Opfer von Gewalt und Krieg, an Kinder, Frauen und Männer aller Völker. Wir gedenken der Soldaten, die in den Weltkriegen starben, der Menschen, die durch Kriegshandlungen und danach in Gefangenschaft, als Vertriebene und Flüchtlinge ihr Leben verloren. Wir trauern um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage und der Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung, um die Bundeswehrsoldaten und anderer Einsatzkräfte, die im Auslandseinsatz ihr Leben verloren.

"Wir weigern uns, Feinde zu sein", unter dieses Motto stellte die evangelische Pfarrerin, Frau Becker ihre Predigt. (Den ganzen Text finden Sie hier.) Ein Satz, der im Westjordanland auf einem Feldstein aufgemalt ist. Sie mahnte vor Intoleranz und Nationalismus, vor Spaltung und Hass und rief auf zu Frieden und Versöhnung. Das ist die Botschaft des Volkstrauertags.

Ihr Bürgermeister Dr. Andreas Bukowski