06. August 2021

Wider das Vergessen

"Wenn auch nur in kleiner Runde, so dürfen wir heute einem bedeutungsvollen Moment unserer Gemeindegeschichte beiwohnen: Zum Gedenken an die Opfer der systematischen Ermordung von Menschen mit körperlichen, geistigen oder seelischen Behinderungen durch das Nazi-Regime, weihen wir heute einen Ort ein, der sich einem nur allzu bekannten menschlichen Gebrechen entgegenstellt: dem Vergessen. Dem Vergessen dessen, was auch hier in unserer Gemeinde stattgefunden hat: Selektion oder auch die direkte Tötung von Menschen, die für lebensunwert befunden worden sind. Verurteilt von jenen, die eigentlich zu Ihrem Schutz bestimmt, ja, sich durch einen Eid zu ihrem Schutz verpflichtet hatten.

Von all dem ist hier und heute nichts mehr zu erkennen. Dort wo Verbrechen und Verrat an der Menschlichkeit traurige Gipfel erreichten, wird heute gearbeitet, gewohnt und auch gefeiert. Kinder spielen hier, Menschen genießen Kultur oder gutes Essen.

Wie kann Gedenken an so einem Ort gelingen? Einem Ort, an dem das einstige Leid vergessen scheint? Einem Ort wo pulsierendes Leben stattfindet und auch stattfinden darf, stattfinden soll? Dort, wo das Licht die Schatten der Vergangenheit verbannt hat?

Kein leichtes Unterfangen für Werner Mally, der 2012 von Helmut Dworzak auf "Restlicht" angesprochen wurde. Klinik und Gemeinde erwarben die Skulptur gemeinsam. Mallys Antworten auf die eben gestellten Fragen finden sich in diesem Werk, das, von Gabriele Müller in Empfang genommen und zunächst am Rathaus platziert war, heute seinen ursprünglich angedachten Platz einnimmt. Ein, wie ich finde, filigranes Werk, das seine Bedeutung niemandem aufzwingen will.

Erst bei näherer Betrachtung und vor allem im Tageslauf entfaltet es seine volle Wucht.

Früh am Morgen sind die Zahlen unscharf und kaum zu erkennen. Der Beginn des Grauens deutet sich erst an, liegt aber noch ferne und ist schwer zu erkennen. Dennoch erfasst dieses diffuse Licht bereits einen der geschichtlichen Ausgangspunkte des Verbrechens, denn bereits um die Jahrhundertwende treten eugenische Ideen in Erscheinung, die in der 1920 publizierten Schrift „Freigabe zur Vernichtung lebensunwerten Lebens“ von Karl Binding und Alfred Hoche konkret fassbar werden.

Je weiter der Stand der Sonne steigt, desto deutlicher werden die Konturen des eigentlich Unfassbaren und auch der Verlauf der Geschichte markiert die traurige Richtung: mit dem Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses im Jahre 1933 wird eine Entwicklung eingeleitet deren scheußliche Fratze im Jahre 1939 in einem Schreiben Hitlers deutlich zu Tage tritt. In diesem auf den Kriegsbeginn zurückdatierten Schreiben ermächtigt Hitler den Leiter der Kanzlei des Führers (KdF) sowie seinen Begleitarzt mit dem Beginn der Tötung des vermeintlich unwerten Lebens. Was später als Aktion T4 bezeichnet wurde, nimmt hier seinen Anfang. Im Schreiben heißt es lapidar:„Reichsleiter Bouhler und Dr. med. Brandt sind unter Verantwortung beauftragt, die Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte so zu erweitern, dass nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann.“

Die Sonne hat Ihren höchsten Stand erreicht und brennt die Konturen des Grauens unmissverständlich in den steinernen Boden. Das was selbst das Nazi-Regime im Verborgenen halten wollte, tritt deutlich vor Augen und entreißt das feige Töten von wehrlosen Tausenden dem Schatten der Geschichte. Freilich wandert das Licht weiter und je mehr Zeit vergeht, desto unschärfer werden die Ziffern wieder. Eine Mahnung wird spürbar, die Mahnung nicht zu vergessen. Und sie wiederholt sich, Tag für Tag.

Für mich persönlich wird dieser Ort damit zu einem ontologischen Oxymoron, zu einem greifbaren Gegensatz, denn dem „Restlicht“ gelingt es, Gedenken an Verrat und feigen Mord dort zu ermöglichen, wo pralle Lebensfreude Einzug gehalten hat.

Wer sich auf das Werk von Licht und Schatten einlässt, vermag noch weit mehr zu entdecken: ein Kunstwerk nämlich, das weit über das eben Gesagte hinauszuweisen vermag und für das ich im Namen der Gemeinde meine tiefe Anerkennung aussprechen möchte. Herr Mally vielen Dank für Ihre Mühe und Ihre Arbeit. Ihnen ist hier, so grazil Ihr Werk auch scheinen mag, Bedeutendes gelungen. Vielen herzlichen Dank."

Ansprache von Bürgermeister Dr. Andreas Bukowski beim offiziellen Pressetermin von "Restlicht" im Jugendstilpark am 03.08.2021.

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Fotograf und Copyright: Siegfried Wameser

Im Bild von links: Altbürgermeister Helmut Dworzak; Martin Spuckti, Vorstandsvorsitzender des Kommunalunternehmens der Kliniken des Bezirks Oberbayern; Bürgermeister Dr. Andreas Bukowski; Gabriele Müller, Bürgermeisterin von 2014 bis 2020; Prof. Dr. Peter Brieger, Medizinischer Direktor des Isar-Amper-Klinikums München-Haar; Werner Mally, Künstler; Josef Mederer, Bezirkstagspräsident; Franz Podechtl, kaufm. Direktor des Isar-Amper-Klinikums München-Haar