31. Juli 2015

Pragmatische und menschliche Hilfe

65 junge Männer, untergebracht ohne Privatsphäre Stockbett an Stockbett in einer alten Turnhalle – nach einer Flucht, die seelische Spuren hinterlassen hat. Doch die Haarer lassen die Flüchtlinge, die als Notunterkunft die VHS-Turnhalle bezogen haben, nicht alleine. Sehr pragmatisch und vor allem menschlich wird dabei von verschiedensten Seiten den gerade angekommenen Menschen geholfen.

Anfang Juni hatte das Landratsamt die Halle in der Haarer Friedrich-Ebert-Straße als Notunterkunft ausgewählt – und schon wenige Tage später trafen die ersten Asylbewerber ein. Eine wahre Herausforderung für die Volkshochschule, die doch eigentlich in der Halle jede Menge Kurse laufen hat. Doch dank der guten und unkomplizierten Zusammenarbeit verschiedener Vereine und Institutionen sowie der Gemeindeverwaltung konnte sehr kurzfristig der laufende VHS-Kursbetrieb auf andere Räume umgeschichtet haben.

Pragmatische Hilfe
Doch Menschen, die in einer fremden Kultur gelandet sind, die zum Teil Traumatisches erlebt haben, die häufig getrennt von ihren Familien sind, einer ungewissen Zukunft entgegenblicken und zudem durch das Asylverfahren an einen Ort gebunden und aufgrund des Arbeitsverbots zum Nichtstun verdammt sind, brauchen vor allem eines: soziale, menschliche Zuwendung, Beschäftigung, Integration. In Haar hat sich in den letzten Wochen genau das entwickelt. Ohne gesetzliche Vorgaben, ohne irgendeinen Zwang - einfach nur aus Menschlichkeit.

Großes Entgegenkommen
„Es gab ein Treffen mit dem TSV, der VHS, der Musikschule, den Freizeitheimen und anderen Institutionen – denn wir wollten überlegen, wie wir für die jungen Männer den Sommer in der Turnhalle einigermaßen entzerren könnten. Und wir stießen auf großes Entgegenkommen. In der ganzen Bevölkerung“, erklärt Susanne Hehnen, die vom Rathaus aus die Betreuung der Flüchtlinge übernommen hat.

Kirche und Kurse
Täglich geht sie nun vom Rathaus in die Turnhalle. Sie hat die jungen Männer, die vorwiegend aus afrikanischen Ländern stammen, kennengelernt. „80 Prozent von ihnen haben schon am ersten Tag nach Deutschkursen gefragt – dabei hatten sie damals nicht einmal das Nötigste an Wäsche“, sagt sie. Viele suchen Anschluss an die religiösen Gemeinschaften in Haar, sie suchen spirituelle Unterstützung in ihrer Situation. Denn die meisten benötigen Seelsorge, manche sind so traumatisiert, dass sie nachts nicht schlafen können. Da ist die gemeinsame Unterbringung in der Halle eher kontraproduktiv. Doch viele haben mit ihrer Ankunft in Haar auch Mut geschöpft. Und die Lebensenergien kommen zurück – gefördert auch vom Kontakt mit den Mitmenschen in Haar.

Erste Deutschkurse
Viele Männer ergriffen gleich zu Beginn Eigeninitiative: Sie besuchten nicht nur die Gottesdienste, sondern kamen auch in die Gemeindebücherei, fragten dort nach Sprachkursen in Büchern und auch bei der VHS wurden bereits am ersten Tag gefragt, wo man Deutsch lernen könne. Daraufhin lief – dank des spontanen Angebots einer Dozentin - ein erster Deutschkurs bei der VHS an, bei dem die Männer mit großer Ernsthaftigkeit und in gutem Tempo unsere Sprache lernen. In der VHS wird diese erste Gruppe als „Akademikerkurs“ bezeichnet, denn er besteht aus Technikstudenten, Mathelehrern, Ingenieuren und anderen hochgebildeten Männern. Einer der Teilnehmer ist sprachlich so gut ausgebildet (B.A. in Englisch und Zertifizierung in Erwachsenenbildung), dass er mit Genehmigung vom Landratsamt bereits von der VHS als Englischlehrer angeworben wurde. Weitere Kurse starten im August.

Sport und Kochen
Auch sportlich können die jungen Männer in Haar aktiv werden: Der TSV bietet ihnen Fitness und Fußball an, die VHS stellt Spaßturniere auf die Beine, es werden Ausflüge angeboten und im Boni, können sie Thai-Boxen und gemeinsam Kochen.

Ein besonderes Musikprojekt
Seit drei Wochen wird nun auch gemeinsam musiziert: Im Jugendkulturhaus Route 66 treffen sich bis zu zehn der Flüchtlinge ab Mittag zu einem Musikprojekt. „Foods & Groove“ nennen sie das und freuen sich immer enorm ihren „Mister Joe“ zu treffen. Das ist Johannes Leitner, Mitarbeiter vom „Route 66“. Der hat die Flüchtlinge ins Haus eingeladen, um ein bisschen gemeinsam zu essen, vielleicht ein bisschen gemeinsam Musik zu machen. Doch es ist in kürzester Zeit etwas ganz Besonderes daraus entstanden. „Ich hab beim ersten Treffen Pizza gemacht und die Jungs haben sich echt gefreut. Auch, weil man sich beim Essen einfach auch gut unterhalten kann. Danach haben wir zwei Stunden gemeinsam Musik gemacht“, erklärt der Pädagoge. Auch wenn nur Tommy ein wirklich guter Rapper und der Rest musikalisch gesehen eher unerfahren sei, war schon das erste Treffen ein schöner Moment.

Ein Geben und Nehmen
Richtig angerührt hat Johannes Leitner aber dann das zweite Zusammenkommen. Denn da kamen die Asylbewerber mit vollen Händen: Sie hatten von ihrem wenigen Taschengeld eingekauft, um nun für ihn zu kochen. Sie sagten: „Letztes Mal hast Du für uns gekocht, jetzt kochen wir für Dich“ – und dann stand einer von ihnen zwei Stunden lang in der Küche, während die anderen im Übungskeller mit Johannes Leitner musizierten. Ein phänomenal gutes kulinarisches Ergebnis, das dann auch das letzte Eis zwischen den Jugendlichen und den Flüchtlingen schmelzen ließ. „Unsere Jugendlichen haben sich am Anfang einfach nicht so getraut, Englisch zu sprechen. Doch die Sprachbarriere hebt sich immer mehr auf, es entwickelt sich ein richtig guter Kontakt“, freut sich Leitner. Im Gegenzug wollen sich einige der Asylbewerber auch in der Behindertenarbeit des Hauses einbringen. „Die passen richtig gut rein ins Haus“, sagt er. In den Sommer-Schließungszeiten des Route 66 hat sich spontan Andreas Malinowski bereit erklärt, die Musikgruppe weiterzuführen.
Was bisher bei „Foods & Groove“ herauskam, das können nun auch alle Haarer hören: Beim Abschlussfest des Abenteuerspielplatzes am 7. August werden sie zwei Songs spielen. Soviel kann man vielleicht schon verraten: Einer trägt den schlichten Titel „Dankeschön“.

Bürgrmeisterin Gabriele Müller freut sich über diese Entwicklung: „Die Zuwendung, die Menschen in dieser Situation brauchen, kann von den Behörden alleine nicht bewerkstelligt werden. Da braucht es Idealismus und Tatkraft von vielen Seiten. Ich bin sehr froh, dass so viele Haarer die Begegnung mit den Flüchtlingen suchen. Nur so kann Beziehung entstehen und die ist der Schlüssel zu einem guten Miteinander.“

Großzügige Spenden
Und auch Spenden gingen großzügig ein – sowohl Sach- als auch Geldspenden. Alleine die Bürgerstiftung gab 2.000 Euro, um das wirklich Nötigste zu beschaffen. Unterwäsche beispielsweise. Von den Bürgern gab es unter anderem große Taschen, von Hand-in-Hand-in-Haar sogar 50 neue Rucksäcke. Der Regenbogen e.V. hat schließlich sogar die alten Spinde des TSV in die Halle gebracht.

Wer als Bürger auch aktiv helfen will, der soll sich bitte an den Helferkreis wenden.

Asylhilfe – Haar
Frau Eva Eggemann
Jagdfeldring 17
85540 Haar
Telefon: 46 23 67- 10 bzw. 01575-37 111 89
asylhilfe-haar@caritasmuenchen.de

Claudia Erl / Ute Dechent