25. Juli 2014

Thalgott zeigt Wege in die Zukunft

Christiane Thalgott war lange Jahre als Stadtbaurätin verantwortlich für die Münchener Stadtentwicklung. Auf Einladung der Volkshochschule Haar hielt sie im Vorfeld der Bürgerentscheide in Haar einen sehr gut besuchten Vortrag im neuen Poststadel-Gebäude.

Haar ist schön - Haar hat Geschichte - Haar hat Zukunft. Unter diesem Titel beleuchtete Thalgott zunächst die Entwicklungsphasen der Gemeinde. Zwei noch immer gültige Thesen der Stadtentwicklung haben Haar schon damals geprägt: Die Menschen ziehen den Arbeitsplätzen nach und Entwicklung orientiert sich am öffentlichen Nahverkehr. Bedeutend für die Haarer Ortsgeschichte waren der Bau der Eisenbahnlinie und des Krankenhauses Anfang des 20. Jahrhunderts. Aus dem einfachen Bauerndorf wurde ein schmucker Ort mit Jugendstilvillen für Ärzte und Pfleger. Schon in den Dreißiger Jahren baute man dort, wo alles war, in der Haarer Ortsmitte. „Die erste Nachverdichtung“, sagt Thalgott. Die Wohnungsnot in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg bescherte Haar eine weitere Wachstumsperiode. Es entstanden das Musikerviertel und 1959 das erste Wohnhochhaus an der Beethovenstraße. Städtischen Charakter erwarb Haar endgültig mit dem Bau des Jagdfelds in den 1970ern. Solche Großsiedlungen seien so, Thalgott nie unumstritten. "Aber, hier haben sie wirklich gute Wohnungsschnitte und eine erstklassige Infrastruktur: Einkaufsmöglichkeiten, Schulen, Kindertagesstätten, Ärzte, Kulturangebote".Mit dem Umbau des Jagdfeldzentrums habe Haar den Weg klug und konsequent weiterverfolgt.

Siedlungen statt Einzelhäuschen

Versorgung und Mobilität sind nach Thalgotts Ansicht zentrale Themen, denen sich Kommunalpolitiker und Planer künftig verstärkt stellen müssen. Die Gesellschaft verändere sich, sagte Thalgott. „Wir werden immer älter und ärmer.“ Es kommen immer weniger Kinder zu Welt. Die Altersgruppe über 65 wächst am stärksten. Gleichzeitig lebt in über 50 % der Haushalte nur eine Person. Die Folge: Jeder Arbeitnehmer muss bald zwei Rentner finanzieren. „Wir werden nicht mehr alle Dienstleistungen bezahlen können. Wir werden uns wieder gegenseitig helfen müssen“, sagt Thalgott voraus.Versorgung sei da möglich, wo eine gewisse Anzahl an Menschen lebe. „Sicher nicht im kleinen Häuschen am Waldrand.

Umdenken für die Zukunft

Nach wie vor wächst der Großraum München, stellt Thalgott fest. „Nicht weil die Bürgermeister der Umlandgemeinden das wollen, sondern weil die Menschen hierher kommen wegen der guten Arbeitsbedingungen“, sagt Thalgott. „Die beherrschende Fragestellung der Zukunft wird angesichts von Siedlungsdruck und Flächenknappheit daher sein: Wie kann ich nutzen, was ich habe, für das, was ich in Zukunft brauche?“ Und sie liefert auch gleich eine Antwort, die sich in Fachkreisen abzeichnet: reduce, reuse, recycle - reduzieren, wiedernutzen, umbauen. In einem ist sich die 71jährige Hochschullehrerin, Mutter und Großmutter sicher: „Die alten Muster, die meine Generation noch im Kopf hat, sind nicht zukunftsfähig.“

Ute Dechent