18. September 2015

Erster Schultag für den Ganztagsbetrieb

Auch die Grundschule am Jagdfeldring in Haar ist jetzt Ganztagsschule. Ein gutes Jahr Vorbereitungszeit hatten Schulleiterin Juliane Dworzak und Konrektorin Sabine Weber nach dem Umzug von VHS und Musikschule in den „Poststadl“, um ein passendes Konzept zu erarbeiten. Das Kultusministerium gibt seinen Schulleitern dafür Gestaltungsfreiraum und die Möglichkeit, sich Kooperationspartner auszusuchen. An den beiden Haarer Grundschulen ist dies seit September der Kreisjugendring München-Land.

Die Kinder, die nach dem Unterricht nach Hause gehen, sind mittlerweile in der Minderheit – zumindest in städtischen Einzugsgebieten. 80 % der Haarer Schulkinder besuchen nach der Schule einen Hort, die Mittagsbetreuung, das vhs-Grundschulkolleg oder eine der Ganztagsklassen. Rektorin Andrea Zran von der Konradschule hat bereits in allen vier Jahrgangsstufen eine Ganztagsklasse. Von ihrer Erfahrung profitieren die Kolleginnen in der Jagdfeldschule. „Es ist ein Riesenvorteil für uns. Wir sind in regem Austausch, auch wenn jede Schule ihre eigenen Herausforderungen hat“ freut sich Juliane Dworzak.

Gemeinde fördert Qualität

Einfach, das bekräftigen beide Rektorinnen, sei es nicht, mit den staatlichen Rahmenbedingungen auszukommen. Auch berufstätige Eltern haben Kritikpunkte. Ganztagsklasse heißt für das Kultusministerium Unterricht bis 16 Uhr, Freitag bis 13 Uhr. Gebühren fallen nicht an. Eine Ferienbetreuung gibt es aber auch nicht. Zwölf zusätzliche Lehrerwochenstunden pro Klasse sind vorgesehen und ein Fixbetrag von 6.600 Euro plus 4.500 Euro für die erste und 3.000 Euro für die zweite Jahrgangsstufe. „Vernünftig arbeiten kann man allein mit staatlichen Mitteln nicht“, sagt Bürgermeisterin Gabriele Müller, die früher selbst als Lehrerin tätig war. Die Gemeinde hat deshalb das Budget aus eigenen Mitteln aufgestockt. 40.000 Euro pro Klasse pro Schuljahr lässt sich der Gemeinderat die Ganztagsklassen kosten. Damit ist nicht nur eine bessere pädagogische Betreuung durch mehr Personal gewährleistet. Jede Ganztagsklasse in Haar hat neben der Lehrkraft festen Klassen- und einen weiteren Pädagogen, der als Springkraft zusätzlich in zwei Klassen eingesetzt ist sowie eine übergeordnete Teamleitung pro Schule zur Unterstützung. Die Eltern wissen ihre Kinder auch verlässlich länger betreut: Montag mit Donnerstag bis 17 Uhr, an Freitagen bis 16 Uhr; an 34 Ferientagen von 8 bis 16 Uhr. Kostenfrei ist das Zusatzangebot für Eltern freilich nicht. Die monatlichen Gebühren liegen vergleichbar mit den anderen Betreuungseinrichtugnen bei 105 Euro, dazukommen 85 Euro für das Mittagessen.

Partner mit viel Erfahrung

Der Kreisjugendring München-Land ist schon in mehreren Landkreisgemeinden als Kooperationspartner der Schulen tätig, so in Hohenbrunn, Sauerlach und Haar in der gebundenen Ganztagsschule, in der offenen Form an der Mittelschule in Höhenkirchen. In Haar ist der KJR ohnehin kein Fremder. Die Freizeitheime „Route 66“ und das „Dino“ stehen unter seiner Leitung, ebenso die Schulsozialarbeit an der Jagdfelschule. Der Schritt zu einer weiteren Zusammenarbeit war naheliegend. Bereichsleiterin Melanie Riegler ist im Gebiet München-Ost fü die Personalakquise zuständig. Sozialraumleiterin Stephanie Kühn leitet die Einrichtungen in Haar. Beide haben in den letzten Monaten am Konzept gefeilt und Personal gewinnen können, trotz unveränderter Engpässe am Stellenmarkt. „Die pädagogische Eignung steht für uns im Vordergrund“, sagt Melanie Riegler. „Wir haben zahlreiche Bewerbungsgespräche geführt. Wer die erste Runde geschafft hatte, wurde in der Schule vorgestellt, denn es muss ja auch im Team passen.“

Meggi Lochmiller-Smith ist eine der Auserwählten. Sie ist die Teamleiterin der KJR-Kräfte in der Jagdfeldschule. Die ausgebildete Jugend- und Heimerzieherin ist seit vierzig Jahren im Beruf. Die letzten 13 Jahre arbeitete sie an einem Gymnasium. „Eigentlich wollte ich von der Schule weg“ sagt die quirlige Pädagogin “aber Sabine Weber hat mich davon überzeugt, es doch mal mit Grundschülern zu wagen. Und es gefällt mir richtig gut hier.“ Die pädagogischen Fachkräfte sind in den Unterricht einbezogen. Sie setzen Projekte auf, helfen bei den zahlreichen Übungen, denn Hausaufgaben bekommen die Ganztagsschüler nur am Freitag auf, damit die Eltern die Arbeitshaltung ihrer Kinder kennenlernen. Zum Mittagessen begleiten sie die Kinder in die Mensa des Gymnasiums, weil die Kapazität der Mittagsbetreuung in den eigenen Schulräumen bereits erschöpft ist.

Die Klassenleitung der Ganztagsklasse aus 22 Mädchen und Buben hat Catarina Aulbach. „Eine richtige Herzblut-Lehrerin“ sagt ihre Chefin Juliane Dworzak. Seit zehn Jahren ist sie bereits im Kollegium, leitete bislang den Schulchor. „Die genehmigten Lehrerstunden reichen für die nötigen Absprachen und Vorbereitungen gar nicht aus. Da muss man schon eine große Leidenschaft für den Beruf und für die Kinder mitbringen. Und die hat sie.“

Große Elternnachfrage

Während Schulleiter um Lehrer für das Modell Ganztagsklasse werben müssen, ist es bei den Eltern sehr beliebt. Die Nachfrage übersteigt in der Konradschule regelmäßig das Platzangebot. „Die Berufstätigkeit der Eltern ist nicht das alleinige Auswahlkriterium“, sagt Andrea Zran. „Alleinerziehende haben einen Bonus, aber wir schauen auch aufs Kind: Wie weit ist es in seiner sozialen und emotionalen Entwicklung? Verkraftet es den ganzen Tag in der Schule? Sind Buben und Mädchen in einem ausgewogenen Verhältnis? Unser Ziel ist eine harmonische Klassengemeinschaft.“ Zum Abwägen holt sich die Schule auch gerne den Rat der Kita ein, die das Kind vorher besucht hat und beobachtet im Schulspiel die Kinder auch ganz besonders hinsichtlich ihrer Eignung für den Ganztagsbetrieb.

Kein sklavischer Stundenplan

Der Lehrplan ist in der Ganztagsklasse unverändert. Rhythmisierter Unterricht über den ganzen Tag verteilt ist theoretisch vorgesehen. Tatsächlich, so Andrea Zran, müsse es den Lehrkräften und Pädagogen vorbehalten sein, flexibel auf die Bedürfnisse der Kinder reagieren zu dürfen. „Wichtig ist, dass am Schuljahresende die Ziele des Lehrplans erreicht worden sind.“ Damit diese Flexiblität gelingt, muss das Raumangebot passen. Dafür sorgt die Gemeinde als Sachaufwandsträger der Schulen. „Stellen Sie sich vor, Sie sind den ganzen Tag mit ihrer Familie in einem Zimmer“, sagt Bürgermeisterin Müller. „Irgendwann wird es zu viel!“ Da braucht es Rückzugsmöglichkeiten, Spielecken und Bewegungsmöglichkeiten, um die Klasse auch teilen zu können. In der Jagdfeldschule eröffnet im Oktober eine Zweigstelle der Gemeindebücherei, die ins Ganztagskonzept einbezogen ist. „Wir wollen uns aber auch Luft lassen, Dinge zu entwickeln“, so Juliane Dworzak. Der geplante Erweiterungsbau bietet dazu noch mehr Chancen.

Schule werde zunehmend nicht nur Lern- sondern Lebensort, versichern die Rektorinnen. Die Kinder entwickelten eine viel engere Bindung an ihre Schule. Bürgermeister Gabriele Müller weiß aus ihrem Lehrerinnen-Leben. „Man rückt auch selber ein ganzes Stück näher ans Kind.“

Ute Dechent

Im Bild von links: Vorne: Melanie Riegler vom Kreisjugendring; Bürgermeisterin Gabriele Müller; Juliane Dworzak, Rektorin der Grundschule am Jagdfeldring Hinten: Stephanie Kühn vom Kreisjugendring; Sabine Weber, Konrektorin der Grundschule am Jagdfeldring; Andrea Zran, Rektorin der Grundschule an der St.-Konradstraße; Catarina Aulbach, Lehrkraft der ersten Ganztagsklasse an der Grundschule am Jagdfeldring; Meggi Lochmiller-Smith, Teamleiterin der Ganztagsklasse vom Kreisjugendring