23. Januar 2015

Zeichen setzen für gelebte Vielfalt und Mitmenschlichkeit

Eine lange Tradition, die will auch die neue Haarer Bürgermeisterin Gabriele Müller nicht verändern: Zusammen mit den Kirchen lud sie deshalb zum Neujahrsempfang der Gemeinde Haar ein. In diesem Jahr füllte sich der Pfarrsaal St. Konrad mit Vertretern der Kirchen, Gemeinde, Vereinen und Institutionen. Zwei der Anwesenden waren wohl etwas freudig nervös: Schließlich stand auch die Verleihung der Goldenen Ehrennadel der Gemeinde Haar auf dem Programm…

Die Fertigstellung des neuen Poststadls, die Wahlen, die Freude über ihr neues Amt – all das wollte Haars Bürgermeisterin Gabriele Müller in ihre erste Neujahrsrede packen. Doch dann kam der 7.Januar und damit eine Neufassung ihrer Rede. „Für dieses Jahr, so scheint es, sind die Weichen schon in der ersten Woche gestellt worden. Fassungslos stehen wir vor dem Attentat in Paris, vor der Brutalität mit der die Täter in religiöser Verblendung die Grundsätze unserer Gesellschaft und Demokratie angreifen: die Freiheit, nicht nur die Pressefreiheit, die Gleichheit und Brüderlichkeit“, betonte die Bürgermeisterin. Doch wie konnte es passieren, dass junge Menschen mit französischem Pass solch eine Tat im eigenen Land begehen? „Aus meiner Sicht liegt es daran, dass Frankreich seit langem Probleme hat, eigene Staatsbürger aus den ehemaligen nordafrikanischen Kolonien zu integrieren.“, sagte Gabriele Müller.

Gelebte Vielfalt in Haar
Genau aus solchen Ereignissen müsse man seine Schlüsse ziehen – über das Zusammenleben in der eigenen Gemeinde. In Haar sei die Heterogenität unserer Gesellschaft schon normal: An der Mittelschule beispielsweise werden Kinder aus 37 Nationen unterrichtet und das Nationenfest „Haar United“ zeigt auf besonders schöne Art die gelebte Vielfalt in Haar. „Unser Mikrokosmos zeigt, dass das Miteinander im ständigen Bemühen um gegenseitiges Verständnis und Toleranz und mit unterstützenden Angeboten funktioniert.“ Und diese Grundhaltung bräuchte man in Haar weiter und eventuell noch ein wenig stärker – für die größere Zahl Flüchtlinge, die demnächst auch nach Haar kommen werden. Die allerorten geforderte  Willkommenskultur müsse jedoch nicht „nur“ von engagierten Mitbürgern gelebt werden, auch die Politik sei gefragt, klare Strukturen zu schaffen und die geflohenen Menschen so nicht nur eine menschenwürdige Unterbringung, sondern auch ihre Integration zu ermöglichen.

Politischer Wille & menschliche Hilfsbereitschaft
In der Gemeinde Haar sei laut Gabriele Müller beides da: Zum einen habe man politisch entschlossen, für 2015 Geld in den Haushalt einzustellen, um bei wachsender Flüchtlingszahl einen Sozialpädagogen einstellen zu können. Zum anderen helfen die Schulen, finanziell unterstützt von der Bürgerstiftung, den Kindern durch Förderstunden beim Deutschlernen – mit großem Erfolg. Und überhaupt sei die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung glücklicherweise ungebrochen groß. „Derzeit besteht die Aussicht, dass es eine Wohngemeinschaft für unbegleitete Minderjährige geben wird und gleichzeitig ist das Landratsamt auf der Suche nach einem geeigneten Grundstück, auf dem eine Unterkunft für ca. 100 Menschen entstehen soll.  Und es gibt auch Privatleute, die ihre Wohnungen anbieten“, erklärte Müller.

Ausblick 2015
Und dann gab es ihn doch noch, den Ausblick auf 2015 – denn schließlich gibt es eine Menge zu vermelden: Die ersten Schritte für den Bau gemeindeeigener Wohnungen können 2015 gegangen werden, der Spatenstich für Haar II steht mit dem neuen Seniorenheim an, die Jagdfeldschule bekommt die erste Ganztagsklasse und eine Zweigstelle der Gemeindebücherei, Salmdorf feiert sein 1000jähriges Bestehen, es müssen die Weichen für die Realisierung des neuen Schulcampus gestellt werden und es wird eine Bürgerversammlung zum Hochhaus auf dem Quinz-Gelände geben – sobald die Planungen auf dem Tisch liegen.

Die Worte des Pfarrers
Ebenfalls Neues sieht Pfarradministrator Markus Bittner nicht nur auf Haar, sondern insgesamt auf Kirche und Gesellschaft zukommen, wie er in seiner Rede betonte. Erste Vorboten bzw. Auswirkungen davon sehe man schon in der Gründung des Pfarrverbands Haar, was durchaus als einschneidende Veränderung zu sehen sei. Schließlich sei diese vom Erzbistum eingeleitete Strukturreform  eine Reaktion auf sinkende Mitgliederzahlen und auf die sich verändernde Stellung der Kirche in der Gesellschaft. Pfarrer Bittner mahnte zum Aufbruch: Man solle nicht klagen, sondern sich den neuen Herausforderungen stellen: Kirche müsse zu einer Neuausrichtung finden - unter dem Aspekt der spirituellen Lebendigkeit. Kirche müsse da sein für Flüchtlinge, für Arme, Schwache und Kranke.

Goldene Ehrennadeln

Am Ende der Veranstaltung durfte Gabriele Müller einer wirklich wundervollen Tradition folgen und verdienten Bürgern der Gemeinde Haar die Goldene Ehrennadel überreichen. Diesmal bekamen sie zwei Herren ans Revers gesteckt, die sich beide in vielen Bereichen um das Gemeinwohl in Haar verdient gemacht haben.

Professor Christof Zenger

Zuerst ehrte die Bürgermeisterin Professor Christof Zenger, der seit vielen Jahrzehnten in Haar ehrenamtlich aktiv ist: Er ist Diplom-Physiker und Doktor der Mathematik. Ihm wurden unter anderem das Bundesverdienstkreuz und drei Ehrendoktortitel im In- und Ausland verliehen. Doch diese akademischen Auszeichnungen, so sagt er selbst, schaffen nur Distanz zu den Menschen - und die will der gläubige Katholik keinesfalls aufkommen lassen.

Christof Zenger engagiert sich seit 43 Jahren im Pfarrgemeinderat von St. Konrad, davon 12 Jahre als Vorsitzender. Er hat vor 35 Jahren das bis heute beliebte Zeltlager in den Sommerferien ins Leben gerufen. Zusammen mit seiner Schwester Theresa Heil gründete er die Initiative „Ein Dorf für Indien“. Er singt im Kirchenchor von St. Konrad und ist Gründungsmitglied des Ökumeneausschusses, Mitinitiator der Haarer Ökumenischen Kirchentage und der Ökumenischen Pilgerwege. Doch auch außerhalb der Kirche war er aktiv: 1980 war er  Gründungsvorsitzender der Musikschule Haar.

Ausschlaggebend für die Verleihung der Goldenen Ehrennadel war aber Professor Zengers Engagement für DONUM VITAE, der staatlichen Schwangerenberatungsstelle in Haar. 2009 hat er für den Verein die Niederlassung gegründet. Von Beginn an ist Professor Zenger Bevollmächtigter und damit zuständig für die Geschäftsführung, Personal und Finanzen – und sammelt Spenden, da die staatlichen Leistungen nicht ausreichen. Besonders schätzt Professor Zenger das Angebot der anonymen Geburt im Krankenhaus, für die DONUM VITAE die Kosten trägt. Sieben Fälle hat es allein in Haar schon gegeben. In zwei Fällen hat dies auch das Leben der werdenden Mutter gerettet.

Professor Zenger bedankte sich nach seiner Auszeichnung unter anderem bei der Gemeinde Haar – sie sei die einzige Gemeinde, die eine DONUM VITAE-Niederlassung räumlich und finanziell unterstützt. Und doch findet er, dass die Ehrung eher anderen gebühre als  ihm - nämlich den Alleinerziehenden, die mit geringem Einkommen täglich kämpfen müssen und sich dennoch für ihr Kind entschieden hätten.

Jürgen Partenheimer

Der zweite Geehrte ist Jürgen Partenheimer. Seit 40 Jahren lebt der ehemalige Vorstandsvorsitzende und zuletzt Aufsichtsratsvorsitzende einer großen Münchner Genossenschaftsbank mit seiner Familie in Haar. Erst mit 70 Jahren zog er sich endgültig aus dem Berufsleben zurück – und sein erster Weg führte in direkt ins Rathaus. Denn er wollte seinen Beitrag leisten, um das hohe Niveau an sozialen Leistungen in Haar zu halten und auszubauen.

So kam er zunächst zum „Haarer Tisch“, war dort Fahrer für die Lebensmittelspenden, schleppte Kisten, half bei der Ausgabe. Später übernahm er – aus gesundheitlichen Gründen – die Bücher,  wacht seither über Einnahmen und Ausgaben. Die Finanzen prüft Jürgen Partenheimer seit über 10 Jahren auch bei der Volkshochschule Haar und seit kurzem auch beim jüngsten Verein „Hand-in-Hand-in-Haar“. Außerdem ist er zur Führungsmannschaft des Seniorenclubs gestoßen.

Jürgen Partenheimers Hauptbeschäftigung im Unruhestand ist seit 2010 die Bürgerstiftung Haar. Er zählt zu den Gründungsmitgliedern und leistet seither als Vorstandsvorsitzender zusammen mit seinen Vorstandskollegen, dem Geschäftsführer und den Kuratoriumsmitgliedern wertvollste Aufbauarbeit. Vielen Vereinen und Institutionen ist die Bürgerstiftung seither Partner und wertvolle Hilfe beim Umsetzen neuer Initiativen und Angebote. Mit Stil, Feingefühl und enormem Sachverstand schafft es Jürgen Partenheimer als „Chef alter Schule“ Aufgaben zu delegieren, dabei die Fäden aber immer in der Hand zu behalten. Er zeigt Präsenz und besitzt die Gabe, mit allen Menschen auf Augenhöhe zu kommunizieren.

Für Jürgen Partenheimer ist all das eine Selbstverständlichkeit, wie seinen Dankesworten für die Auszeichnung zu entnehmen war. Es sei ihm eine Freude und eine Ehre zugleich, Gutes für die Menschen in Haar zu tun dürfen, sagt er.

Bildunterschrift: Die Geehrten mit den Bürgermeistern und Landtagsabgeordneten im Pfarrsaal von St. Konrad: von links 2. Bürgermeisterin Katharina Dworzak, 3. Bürgermeister Thomas Reichel, Jürgen Partenheimer, Professor Peter Paul Gantzer, MdL; Bürgermeisterin Gabriele Müller, Ernst Weidenbusch, MdL; Christof Zenger

Claudia Erl