17. Juli 2015

Asylbewerber und Flüchtlinge in Haar

„Was bei mir ankommt ist vor allem eine große Welle der Hilfsbereitschaft. Und das zeichnet Haar einfach aus – ein soziales Miteinander.“ Die abschließenden Worte von Haars Bürgermeisterin Gabriele Müller untermauerten noch einmal die Atmosphäre, von der die Informationsveranstaltung zu der Flüchtlingssituation in Haar geprägt war. Zusammen mit Landrat Christoph Göbel hatte sie zwei Stunden lang die Bürger auf den neuesten Stand gebracht, Sorgen und Nöte angehört und auch kritische Fragen beantwortet.

Ein paar Wochen ist es her, dass die alte Turnhalle in der Friedrich-Ebert-Straße von insgesamt 65 jungen Männern, vorwiegend aus afrikanischen Ländern, bezogen wurde. Eine Notunterkunft, die innerhalb weniger Tage vom Landratsamt ausgewählt, geprüft, ausgestattet und belegt wurde. Jetzt müssen nachhaltigere Flüchtlingsunterkünfte geplant und gebaut werden, bzw. bestehende leerstehende Gebäude für teilweise hunderte Menschen umgerüstet werden. Und das möglichst innerhalb weniger Monate. Genau dieses Tempo ist es, das manchem Bürger zu schaffen macht – doch die Zahlen, die der Landrat während des Abends präsentierte, verdeutlichten den Haarern den hohen Druck, mit dem das Landratsamt zu kämpfen hat.

60 Millionen Menschen auf der Flucht, 1839 im Landkreis München
Zunächst erläuterte Gabriele Müller die allgemeinen Zahlen: Insgesamt sind derzeit 60 Millionen Menschen auf der Flucht – das ist die höchste Zahl, die es je gab. Seit 2010 hat sich der Flüchtlingsstrom vervierfacht, rund die Hälfte der Flüchtenden sind Kinder. 9 von 10 Flüchtlingen bleiben in den Nachbarländern ihrer Heimat, denn das höchste Ziel für sie ist die Rückkehr zur Familie. Nur verhältnismäßig wenige kommen bis nach Europa. Landrat Christoph Göbel kennt die Zahlen für Bayern: 7,2 % aller in Oberbayern ankommenden Flüchtlinge muss der Landkreis München unterbringen. Das sind derzeit 1839 (Stand 7.7.) und es werden voraussichtlich 3.800 Menschen bis Jahresende. Im Schnitt sind derzeit täglich 90 Männer, Frauen und Kinder in den 29 Gemeinden unterzubringen. Deswegen greift derzeit ein absoluter Notfallplan. Die Notunterkünfte, die vorrangig aus Turnhallen im ganzen Landkreis bestehen, sind maximal für ein paar Wochen vorgesehen – nicht alleine, weil die Hallen von der Bevölkerung genutzt werden sollen, sondern auch, weil solch ein Leben ohne Intimsphäre für die traumatisierten Flüchtlinge nicht auszuhalten ist.  Das Ziel sind längerfristig belegbare Gebäude.

Situation bislang in Haar
In Haar stellt sich diese Situation folgendermaßen dar: Bereits seit 2013 leben etwa 20 Asylbewerber in den Containern an der evangelischen Jesuskirche  - die Erstbelegung ist mittlerweile ausgezogen. Von Beginn an ist ein Helferkreis aktiv. In der Bevölkerung wurden die Flüchtlinge kaum wahrgenommen, die Kinder gingen in die Schule, lernten Deutsch und ein Flüchtling ist mittlerweile sogar als  Bademeister-Azubi bei der Gemeinde angestellt. Vereinzelt wurden Asylbewerber auch in Wohnungen untergebracht. Nun „wohnen“ 65 junge Männer in der VHS-Turnhalle – bis zum Schuljahresbeginn, denn dann sollen sie in eine bis dahin errichtete Traglufthalle in einer anderen Landkreisgemeinde untergebracht werden. Bis zu 300 Menschen werden in so einer Halle Platz finden. Für Haar selbst sind derzeit rund 230 Asylbewerber vorgesehen.

Neue längerfristige Standorte in Haar
Neben dem Container an der Jesuskirche sind insgesamt drei weitere Standorte für Asylbewerber vorgesehen: Auf dem gemeindlichen Grundstück Vocke- Ecke Brunnerstraße entstehen auf dem ehemaligen Tennisplatz am Jugendkulturhaus Route 66 Unterkünfte. Diese werden von einem Bauträger errichtet, der das Grundstück anpachtet und dann die Unterkünfte an das Landratsamt vermietet. Zehn Jahre soll dieser Pachtvertrag laufen. Insgesamt 48 Menschen werden hier untergebracht. Bezugsfertig ist diese Unterkunft etwa 4 bis 6 Monate nach der Genehmigung.

Die zweite Unterkunft wird in einer bereits bestehenden Gewerbeimmobilie entstehen: in der Hans-Pinsel-Straße 2-3 soll Platz für 150 Asylbewerber Menschen geschaffen werden. Mittlerweile liegt der Gemeinde ein Antrag auf Vorbescheid für eine Hotelnutzung vor. Ob das Landratsamt zum Zug kommt oder der Hotelbetreiber ist derzeit offen.

Der bislang letzte bekannte neue Standort ist ein Einfamilienhaus in der Unteren-Park-Straße: Hier wird eine kleine Gruppe unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge im Alter von 12 bis 16 Jahren einziehen. Diese werden von evangelischen Kinder- und Jugendhilfe Feldkirchen betreut. Die Entscheidung für den Standort Haar ist unter anderem auch gefallen, weil hier in der Mittelschule gute Übergangsklassen angeboten werden.

Mindestens bis zur Anerkennung ihres Asylantrags werden die Menschen in diesen Unterkünften leben, wie lange das dauert, ist völlig unterschiedlich. Manchmal dauert es bis zu Jahren. Und auch im Anschluss müssen viele noch in den Unterkünften bleiben, denn der Wohnungsmarkt ist extrem angespannt im Landkreis. Erst wenn die anerkannten Flüchtlinge Arbeit aufnehmen dürfen, haben sie überhaupt eine Chance auf ein autarkes Leben hier.

Persönlicher Kontakt gegen Angst
Die Betroffenheit im vollbesetzten Bürgersaal beim Anblick der  Fotos von den derzeitigen und teilweise künftigen Unterkünften war spürbar: Die aneinandergepferchten Stockbetten in der Turnhalle ohne jegliche Privatsphäre, ohne Spint für die Habseligkeiten und auch die Innenansichten der bereits etwas komfortableren Traglufthallen ließ keinen Zweifel, dass dies alles keine Dauerlösung sein kann. Trotzdem griff Christoph Göbel vor: Man sei sich der Tatsache bewusst, dass die Einheimischen überall in den Gemeinden auch ein ungutes, ein mulmiges Gefühl im Bauch hätten, weil mit den Flüchtlingen eine für viele unbekannte Komponente in die Nachbarschaft zieht. Das beste Mittel dagegen sei der persönliche Kontakt – denn man könne sich ja ausmalen, wie groß die Angst vor der Ungewissheit bei den Flüchtlingen selbst sei. Trotzdem müsse man die Sorgen der einheimischen Bevölkerung ernstnehmen. Sicherheitsprobleme für die Bevölkerung seien allerdings nicht zu erwarten – glaubt man der Statistik sei sogar das Gegenteil der Fall: Die Rate der Straftaten bei den Asylbewerbern ist geringer als in der restlichen Bevölkerung.

Wann soll informiert werden?
Auch zur vereinzelt kritisierten Informationspolitik, bezogen Gabriele Müller und Christoph Göbel Stellung: Unisono betonten beide, dass man die Anwohner erst dann informieren wollte und sollte, wenn ein Vorhaben wirklich konkret würde. „Asylbewerber unterbringen hat immer was mit Not zu tun“, sagte der Landrat. Und so würden alle Möglichkeiten geprüft und 2/3 der Angebote wieder verworfen.

Integration nur durch die Bürger möglich
Der große Appell richtete sich schließlich an die Bürger: Es sei vor allem die Begegnung geeignet, um Vorurteile und Angst abzubauen. Es sind die Menschen, allen voran die in den Helferkreisen, die Integration möglich machen. Die Logistik eines Landratsamtes könne das nicht leisten, sagte Göbel. In Haar wurde dafür die Koordination des Helferkreises eine Sozialpädagogin engagiert: Eva Eggemann, die bei der Caritas tätig ist, koordiniert alles, was mit der ehrenamtlichen Hilfe für die Flüchtlinge zu tun hat. Bei ihr kann man sich melden, wenn man aktiv mithelfen will – und es gibt mittlerweile eine Liste über die Dinge, die von den Haarer Asylbewerbern benötigt werden.

Fragen zu möglichen anderen Standorten
Was die Haarer in der anschließenden Fragestunde besonders beschäftigte war, warum die leerstehenden Gebäude auf dem Klinikgelände in Haar II nicht genützt würden. Die Oberbayerische Heimstätte sowie die JSP München GmbH haben das Areal vor einigen Jahren erworben und der Baubeginn ist nun in absehbare Nähe gerückt. Ein Bezug für wenige Monate lohnt sich nicht mehr. Bürgermeisterin Gabriele Müller hatte jedoch viele der Gebäude schon weitaus früher ins Gespräch gebracht – sie wurden jedoch nicht in Betracht gezogen.

Auch die alte Kaserne an der B 304 wurde als Unterbringungsmöglichkeit nachgefragt. Hier ist aber immer noch die Schule des Bundesnachrichtendienstes beheimatet.

Auch die meisten anderen von der Gemeinde vorgeschlagenen Grünflächen und Objekte wurden nicht in Erwägung gezogen „Wir stellen fest, dass 80 bis 90 Prozent aller im Landkreis angebotenen Grundstücke nicht nutzbar sind“, sagte Göbel. Und leerstehenden Wohnraum zu nutzen, sei bei dem hohen Siedlungsdruck der Gegend ohnehin kaum möglich. Auch verteidigte der Landrat die Vorgehensweise, große Unterkünfte für viele Menschen zu schaffen: Gerade die soziale Betreuung sei nur so wirklich gewährleistet  - schließlich sei im Landkreis ein Sozialarbeiter für 100 Flüchtlinge zuständig (normalerweise sogar für 150, wurde jedoch per Beschluss des Kreistags geändert).

Fragen nach Kursen und der Sicherheit
Danach wurde im Haarer Bürgersaal noch Spezifisches geklärt, beispielsweise dass Schwimmkurse für die Asylanten sehr wichtig wären oder ab wann Sprachkurse bezahlt würden, ob man auch auf die Flüchtlinge zugehen darf, wenn man nicht im Helferkreis engagiert ist. Selbstverständlich könne man Kontakt aufnehmen, betonte Landrat Christoph Göbel – und man könne die Menschen auch gerne zu sich nach Hause einladen. In der Halle besuchen, das dürfe man sie allerdings nicht. Der Grund: Dort leben noch viele andere Menschen, die in ihrer „Privatsphäre“ nicht gestört werden dürfen. Der Sicherheitsdienst vor der Halle achte nämlich nicht nur darauf, dass von den Asylbewerber keine Unruhe ausgehe, sondern sie schützen sie auch vor eventuellen Angriffen von außen.

Ungewisse Zukunft – aber große Hilfsbereitschaft
Auf die Frage, wie das alles 2016 weitergehe, konnte Christoph Göbel schließlich jedoch keine echte Antwort geben. Man gehe nicht davon aus, dass der Flüchtlingsstrom abreiße – könne sich aber auch nicht vorbereiten, sagte er schulterzuckend. Die Causa Asylbewerber ist und bleibt immer ein wenig ein Notfallszenario, das erst dann menschlich wird, wenn die Bürger und Mitmenschen offen auf die ankommenden geflüchteten Menschen zugehen. In Haar gibt es dafür gute Chancen. Die Listen, auf denen man sich für die verschiedenen Aufgaben im Helferkreis anmelden kann , wurden am Ende des Infoabends fleißig mitgenommen.

Im Bild: Die Notunterkunft in der vhs-Turnhalle im Gesundheitszentrum vor dem Einzug der Asylbewerber.

Hier der Kontakt für alle, die helfen wollen: