08. Mai 2020

Abschied von 148 Jahren Haarer Erfahrung

Sechs Gemeinderatsmitglieder verabschiedet

Da die Gemeinde Haar die 20.000-Einwohner-Marke übersprungen hat, treffen sich in Zukunft am Dienstagabend nicht mehr 24 sondern 30 Gemeinderät*innen zur Sitzung im Rathaus. Ein Viertel des „alten Rates“ ist aber nicht mehr dabei. Mit sechs scheidenden Räten verabschieden sich auch 148 Jahre Gemeinderatserfahrung aus dem Haarer Gremium. Rechnet man dann noch die Jahre der ehemaligen Bürgermeisterin Gabriele Müller hinzu, landet man sogar bei 168 Jahren kommunalpolitisch aktiver Zeit.

Von knapp drei bis zu beachtlichen 46 Jahren – solange waren die sechs Männer aus SPD, CSU und Bündnis90/Die Grünen politisch in entscheidender Position mit den Angelegenheiten und Themen der Gemeinde Haar befasst.

Wolfgang Hillner
Die kürzeste Zeit im Gremium hatte Wolfgang Hillner: Als Nachrücker kam er 2017 für die SPD, bekannt war er aber in Haar schon sehr viel länger. Er war das Gesicht des Alpenvereins in Haar: 1981 hat er die Sektion Haar gegründet, dessen Ehrenvorstand er heute nicht. Die Ahrntaler kennen ihn bereits seit fast 40 Jahren als aktiven Gemeindepartnerschaftspfleger: Er war Teil eines Dreiergespanns, das die Partnerschaftsurkunde im Jahr 1983 nach Südtirol gebracht hat – zu Fuß. Sogar ein Gipfelkreuz in Südtirol stammt von ihm: Er hat es selbst entworfen, gebaut, auf den 3.194 Meter hohen Gipfel der westlichen Floitenspitze transportiert und dort errichtet. Noch heute organisiert Wolfgang Hillner die zahlreichen Besuche und Veranstaltungen in Haar und im Ahrntal und hält damit die Partnerschaft lebendig. Sein Engagement endet nicht: Wolfgang Hillner ist seit 2019 Mitglied im Behindertenbeirat.

Werner Kozlik
Werner Kozlik saß zwölf Jahre für Bündnis90/die Grünen im Gemeinderat. Er war dort ein Mann mit klarer Haltung – nämlich einem besseren Miteinander von Mensch und Natur. Und er war ein Mann der klugen Fragen, immer auf der Suche nach tieferem Verständnis in der Sache. Werner Kozlik kämpft für grüne Ideen und hat sowohl Rohstoffen sowie den Menschen gegenüber eine große Wertschätzung. Nachhaltigkeit ist für ihn keine Worthülse, er lebt danach – und ist deshalb durch und durch authentisch. Mit seiner feinen Art und ruhigen Stimme hat Werner Kozlik im politischen Diskurs manch hitziger Diskussion die Spitze genommen. Die ehemalige Bürgermeisterin Gabriele Müller dankte dem  Gronsdorfer in ihrer Abschiedsrede für diese wohltuende Zusammenarbeit. „Als Gitarrenbauer hast Du ja sprichwörtlich ein Händchen für den Wohlklang und für dein Engagement zum Wohl der Gemeinde.“

Werner Pfanzelt
23 Jahre lang war Werner Pfanzelt Mitglied im Gemeinderat: Er saß von 1996 bis 2002 für die CSU im Gremium, kam 2003 als Nachrücker zurück und blieb bis 2020. Als Diplom-Kaufmann und Verantwortlicher in leitender Position eines führenden bayerischen Automobilunternehmens war er prädestiniert für die Finanzpolitik. Er prüfte das Haushaltswesen, die Buchhaltung und Berichte auf Herz und Nieren. Werner Pfanzelt hatte aber auch immer das positive Erscheinungsbild seiner Gemeinde im Auge, entdeckte als Hundebesitzer bei den ausgedehnten Gassitouren häufiger mal Schwachstellen und gab wertvolle Hinweise. Bei den Sitzungen zählte er nicht zu den Personen, die alles kommentieren mussten und nur selten ist Werner Pfanzelt in hitzige Diskussionen eingestiegen - es sei denn es betraf seine Kernthemen, die er mit viel Leidenschaft vertrat. Diese Leidenschaft war auch daran messbar, was für lange Wege er für die Sitzungen 23 Jahre lang in Kauf nahm – denn dann pressierte es häufig von der Arbeit nach Haar. Denn das ist nicht der kürzeste Weg. 

Prof. Dr. Alfons Meindl
28 Jahre hat Prof. Dr. Alfons Meindl im Gemeinderat verbracht – und zwar genau geteilt in zwei Etappen: Seine ersten 14 Jahre starteten bereits 1984. Die lange Unterbrechung war von 1998 bis 2006, als er für die SPD erneut in den Gemeinderat kam. In der früheren Amtsperiode war er Umweltreferent des Gemeinderates: Baumschutzverordnung, Planung des Wertstoffhof und der Mietergärten, Tempo 30 in den Wohnstraßen und Begrünungsaktionen an Haarer Gebäuden waren seine Themen. Ausgeschieden ist er aus beruflichen Gründen: Als Molekulargenetiker hat der an der Aufklärung genetisch bedingter Erkrankungen am Institut für Tumorgenetik an der Frauenklinik Rechts der Isar geforscht. 2002 wurde er zum Professor ernannt. Als Gerlinde Würfl 2006 wegen des Wohnungswechsels den Gemeinderat verlassen musste, war Alfons Meindl trotzdem sofort zur Stelle. Die Entwicklung des Bezirkskrankenhauses, heute kbo Isar-Amper-Klinikum München-Ost, die Bildungspolitik, aber vor allem Umweltfragen lagen ihm auch in dieser Phase besonders am Herzen. „Querdenken liegt Dir als Niederbayer im Blut und klare Worte auch. Du hast uns im Gemeinderat und durchaus auch in der Fraktion öfter mal daran teilhaben lassen“, betonte Gabriele Müller lachend.

Peter Ziegler
Durchgehend von 1984 bis 2020 saß Peter Ziegler für die SPD im Gemeinderat: In 36 Jahren lag dem Sozialpädagogen vor allem das Miteinander am Herzen. Als „Urbewohner des Jagdfelds“ wurde er dort aktiv, hat ein Netzwerk geschaffen. So hat er viele Gelegenheiten beim Schopf gepackt und so manchen Grundstein für das heutige soziale Netz Haars gelegt. Jahrzehnte war er in der Nachbarschaftshilfe aktiv, darunter 30 Jahre lang als Leiter des Basars für Kinderkleidung und Spielsachen – weil er im Blick hatte, dass nicht alle Familien am Ende des Monats noch genügend Geld im Portemonnaie haben. Heute würde man die ressourcenschonende Wiederverwendung mitbetonen. Viele Jahre war er Sozialreferent des Gemeinderates, hat jährliche Leitungsrunden der Haarer Kitas einberufen, war der Ansprechpartner der Pädagoginnen und ihr Sprachrohr ins Rathaus. „Heute leistet diese Arbeit eine ganze Abteilung im Rathaus, auch wenn es damals zugegebenermaßen weniger Kindereinrichtungen gab“, erklärte Gabriele Müller.  Mit den Jahren hat sich sein ehrenamtlicher Fokus auf die ältere Generation verschoben: Von 2000 bis 2018 war Peter Ziegler Leiter des Seniorenclubs. Geduld, Schlichten, Zuhören, Vermitteln und Vertrauen waren seine Prämisse – das zeigt schon sein Leitsatz „Man kann alles lösen, wenn man offen und ehrlich miteinander redet.“

Horst Wiedemann
Die meiste Erfahrung verlässt mit Horst Wiedemann den Gemeinderat: Der SPDler saß bereits von 1972 bis 1978 im Gemeinderat, kehrte im Oktober 1980 zurück. Das sind nicht nur 46 Jahre aktive Gemeindepolitik, sondern auch eine Haar-Kenntnis, wie man sie selten findet. Das Credo des Gymnasiallehrer für Sozialkunde: „Wenn du schon politisches Engagement in der Schule predigst, dann solltest du es auch selbst tun.“ Kommunalpolitik wurde seine große Leidenschaft. 1972 wurde er erstmals gewählt und startete mit Willy Träutlein als „seinen“ ersten Bürgermeister im Gemeinderat. Vier sollten es am Ende sein. Er hat entscheidend das Gesicht Haars und die Bildungslandschaft mitgeprägt. Horst Wiedermann war Gründungsmitglied des Vereines zur Förderung weiterführender Schulen im Osten Münchens e.V. – das war bereits im Jahr 1967. Das Ergebnis: 1971 wurde das Gymnasium Vaterstetten gegründet, ein Jahr später das Ernst-Mach-Gymnasium, dessen Förderverein auch Horst Wiedemann ins Leben gerufen hat. Als Schulreferent betreute er 18 Jahre lang sieben Schulen – darunter auch VHS und Musikschule. Er war es auch, der in Haar die erste Mittagsbetreuung Bayerns eingeführt hat. Ebenso prägend war er für die städtebauliche Entwicklung Haars. Nur ein Beispiel: 1974 war er Mitglied der Jury, bei der Gestaltung der neuen Ortsmitte, für deren Umsetzung er lange kämpfte. Das Ergebnis: die Schmuckstücke Rathaus, Alte Schule, Maria-Stadler-Haus, Bürgerhaus, Poststadel und der Setzerhof. Für alle diese Leistungen ist Horst Wiedemann  mehrfach ausgezeichnet worden. Wohlverdient.

 

Auf dem Foto von links oben im Uhrzeigersinn nach links unten:
Wolfgang Hillner (SPD), Werner Kozlik (Bündnis90/Die Grünen), Werner Pfanzelt (CSU), Horst Wiedemann (SPD), Peter Ziegler (SPD), Prof. Dr. Alfons Meindl (SPD)