04. März 2019

Feierliche Umbenennung Max-Isserlin-Straße

Historische Wende für Gemeinde und Bezirk

Seit dem 1.März gibt es in der Gemeinde Haar keine von-Braunmühl-Straße mehr: Hinter dem Feuerwehrhaus zweigt nun die Max-Isserlin-Straße von der Vockestraße ab und gibt etwa 100 Haushalten eine neue Adresse. Die feierliche Umbenennung ließ eindringlich spüren, dass es viel mehr war, als ein Schild abzunehmen und ein neues zu montieren.

Im Jahr 1976 hatte der Bezirk Oberbayern die Straße, die in seiner Zuständigkeit liegt, nach Anton Edler von Braunmühl benannt – einem früheren ärztlichen Direktor der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing. Damals mit bestem Wissen und Gewissen. “Doch Braunmühl war nicht so honorig wie gedacht“, erklärte Haars Bürgermeisterin Gabriele Müller in ihrer Ansprache. Die Arbeiten an einem Opferbuch des Bezirks offenbarten, dass er tief in die Euthanasie-Verbrechen der Klinik verstrickt war. „Seine Unterschriften waren oft die letzten auf den Krankenakten – und waren damit das Todesurteil für viele Patienten der Haarer Klinik“, erinnert die Bürgermeisterin. Schon seit vielen Jahren gab es einige Haarer Bürger*innen, die mahnten, von Braunmühl genauer unter die Lupe zu nehmen. Gabriele Müller dankte Traudl Vater, Klaus Rückert und Günter Goller namentlich für diesen unermüdlichen Einsatz und deren Recherchen. Letztlich war es die Bitte des Bezirks an die Gemeinde, eine Umbenennung vorzunehmen. Einstimmig fiel das Votum im kommunalen Gremium auf Max Isserlin. Damit sei eine neue Zeit der „Klarheit und Wahrheit“ eingeläutet worden, so Müller.

Wer war Max Isserlin?

„Es ist eine ungeheure Leistung, eine Straße nach einem Opfer zu benennen.“ Franz Joseph Freisleder, Ärztlicher Direktor der Heckscher Kliniken ist mit dem neuen Namensgeber der Straße eng verwoben: Max Isserlin ist Gründer der Heckscher Klinik. Er war ein Mediziner mit Herzblut. Ein Herz, das ihm im Nazi-Regime gebrochen wurde – ein Umstand, der ihn letztlich wohl sogar das Leben kostete. Isserlin galt und gilt bis heute als Pionier der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Er leitete ab dem Jahr 1925 die Heckscher Nervenheil- und Forschungsanstalt in München und gründete unter enormen persönlichen Einsatz und mit Hilfe von August Heckscher 1929 ein neuropsychiatrisches Kinder- und Jugendhaus. Doch mit der Machtergreifung der Nazis wurde Isserlin 1933 aus dem Staatsdienst entlassen – denn er war jüdischer Abstammung. Das Kinderkrankenhaus leitete er trotzdem weiter, bis ihm 1938 auch die Approbation als Arzt entzogen wurde. Ein Jahr später floh er nach England, wo er kurz darauf – im Jahr 1941 – verstarb. „Es kann die Anerkennung nicht ersetzen, die ihm zu Lebzeiten verweigert blieb. Doch die Max-Isserlin-Straße ist ein guter Start“, dankte Freisleder.

Bald Klinikeröffnung

Die Ehrung des leidenschaftlichen Arztes in der Gemeinde Haar hat einen besonderen Bezug: In der Max-Isserlin-Straße wird in wenigen Wochen eine Dependance der Heckscher Klinik eröffnet. „Ein Haus für Kinder, die unter von Braunmühl keine Chance gehabt hätten“, betonte Gabriele Müller.

Besondere Gäste

Wie weitreichend die Umbenennung war, zeigte die Gästeschar, die sich an der kleinen Straßenabzweigung an der Bundesstraße eingefunden hatte: Neben einigen Anwohner*innen und Schüler*innen des Haarer Ernst-Mach-Gymnasiums waren nicht nur die Vertreter der Haarer und der Heckscher  Klinik, Abgesandte des Bezirks und Gemeinderäte an dem verregneten Tag erschienen, es hatte sich auch Dr. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern eingefunden. Und besonders berührend: Auch der Enkel von Max Isserlin, Raphael Isserlin, war extra aus England angereist, um die Ehre für seinen Großvater entgegen zu nehmen.

Beispielhaft und mutig

„Es ist beispielhaft, was hier passiert“, betonte Knobloch während der Feierstunde im benachbarten Feuerwehrhaus. Sie wünscht sich, dass dieses „überaus mutige“ Haarer Beispiel Folgen hat, gerade in Zeiten, in denen der Antisemitismus wieder so erstarke. Auch der ärztliche Direktor des Isar-Amper-Klinikums München Ost, Peter Brieger, erklärte, wie weitreichend die Umbenennung für das eigene Haus sei. „Die Umbenennung ist eine äußere Aktion, es ist aber auch und vor allem eine Änderung der inneren Haltung“, erklärt er. In der Klinik selbst habe man die Ahnengalerie der Direktoren abgenommen, in der sich auch von Braunmühl befand. Nun suche man gemeinsam nach einer entsprechenden Form des Erinnerns. „Der Wert das Lebens“ müsse dabei der zentrale Wert der Klinik sein. Genauso sieht es Bezirkstagsvizepräsident Rainer Schneider: Es ginge letztlich um die Menschlichkeit, betonte er.

Gerührt und versöhnlich

Menschlich besonders anrührend wurde es in dem Moment, als Raphael Isserlin das Wort ergriff. Seinen Großvater habe er nicht mehr kennenlernen dürfen, er verstarb 17 Jahre vor seiner Geburt, berichtete er. Und so wisse er nicht, wie er auf die Straßenbenennung reagiert hätte. Die Großmutter wäre sehr erstaunt gewesen, ist er sich aber sicher. Und er höre direkt die Worte seines Vaters und seiner Tante: „Wer hätte das je für möglich gehalten“, hätten sie wohl gesagt. „Danke für ihren Mut, diese Entscheidung zu treffen“, sagte der weitgereiste Gast sichtbar gerührt. Gebrochenes könne auf diese Weise geheilt werden.  „Es ist mehr, was uns verbindet, als das, was uns trennt“, lauteten die abschließenden, sehr versöhnlichen Worte von Raphael Isserlin.