04. Mai 2018

Was ist Heimat?

Ausstellung der Mittelschule im Haarer Rathaus

Sommer, Altstadt, Ramadan, Arbeit, Jugend, Essen, Wälder, Oma – die Anfangsbuchstaben dieser willkürlich scheinenden Begriffe ergeben das Wort „Sarajewo“. Für eine Schülerin der Mittelschule Haar ist das viel mehr als ein Begriff. Es ist ihre Heimat. Zwei Klassen der Haarer Schule haben sich mit diesem Thema auseinandergesetzt – und eine wirklich beeindruckende Ausstellung geschaffen. Bis zu den Pfingstferien ist diese noch im Foyer des Rathauses zu sehen.

Eine winkende Schulklasse, vorne ein lächelndes Mädchen. Das war der letzte Schultag, der Abschied aus ihrer Heimat Bosnien. Für immer im Herzen trage sie die Kinder und ihr Land, schreibt sie unter das Bild. Ein kleiner Junge lächelt in Festtagskleidung vor einem großen Weihnachtsbaum – das war in Aleppo. Heute feiert er in Haar. Hauptsache, seine Familie ist dabei.

Ist Heimat ein Ort?

Dutzende solcher Fotos kann man im Foyer des Rathauses sehen – aus Pakistan, Italien, Kroatien, Syrien, aber auch aus Ebersberg, München und Haar. Kinder und Jugendliche haben Fotos zu ihrer Heimat ausgewählt. Also ist Heimat ein Ort. Nicht unbedingt. Manche Bilder zeigen Speisen, bunte Teppiche, Menschen – Gefühle sind Heimat, Gerüche, Geschmack, die Sprache. Kann man dann auch zwei Heimaten haben? Wie wirkt sich Heimat auf den Menschen aus? Gibt sie die starken Wurzeln, in denen die Persönlichkeit ankert? Viele Fragen – viele Antworten. In einer Ausstellung.

Ein besonderes Projekt

Es ist ein äußerst spannendes Thema, das spätestens mit der Flüchtlingskrise wieder in den Fokus gerutscht ist. Viel Zeit haben die beiden Klassen der Mittelschule – eine Übergangsklasse und eine Regelklasse – und deren Lehrer Stephanie Henkel  und Markus Fauth für das Projekt aufgewandt. Mit dabei war auch die Schulsozialarbeit, die Organisation Care „Kinder und Jugendliche willkommen“, das Jugendzentrum Dino und die Jugendreporter Haar, die projektbegleitend einen Film gedreht haben, der ebenfalls  vorgeführt wurde und großen Anklang fand. In den letzten Monaten gab es Gespräche, viele Gedanken, Gemaltes, Gefilmtes und Geschriebenes. Das Ergebnis ist prägnant – und absolut sehenswert.

Ausstellungseröffnung im großen Rahmen

Zur Ausstellungseröffnung hatte sich das Foyer bis auf den letzten Stehplatz gefüllt. Bürgermeisterin Gabriele Müller begrüßte gemeinsam mit Rektorin Christa Beyer die vielen Gäste. Angeboten wurde ihnen ein „süßes Stück Heimat“ in Form eines Buffets aus aller Herren Länder. Heimat, das sei ein schwieriges Thema, sagte die Rathauschefin. Wenn man den Begriff in Google eingibt, versucht die Suchmaschine einen im ersten Treffer zum eigenen Wohnort zu navigieren. Doch was, wenn man dort nicht aufgewachsen ist? Wenn die Wurzeln woanders sind? Heimat sei da, wo man das Gefühl von Sicherheit hat, wo es Geborgenheit gibt, so sieht es Gabriele Müller.

Von Heimweh und Aufbruch

Und nach der Heimat kann man auch Heimweh haben. Stephanie Henkel, die Lehrerin der Ü-Klasse kennt das ausgiebig von ihren Schülern. Aus der Heimat weggehen zu müssen, das kann schmerzen – und viele der Kinder kennen das Gefühl. In der Ausstellung können sich auch alle anderen in dieses Gefühl hineinversetzen. Und am Ende aufschreiben: Am Rande steht ein kleiner schwarzer Koffer, einige Zettel und Stifte. Beantwortet werden soll hier nur eine Frage: Was würden Sie mitnehmen, wenn Sie ihre Heimat verlassen müssten und nur diesen einen Koffer zur Verfügung hätten? Bis zu den Pfingstferien kann man sich dazu noch äußern – zu den Öffnungszeiten des Rathauses.

Claudia Erl