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Fehlplätze und Fachkräftemangel 08.05.2012 


In diesen Tagen bekommen Eltern, die sich Anfang März für einen Kindergarten- oder Krippenplatz in Haar beworben haben, Post. Nicht alle werden sich darüber freuen. 89 Eltern von vorwiegend Krippenkindern erhalten eine Absage. Der Bedarf überrollt die Kommune, die ständig neue Angebote schafft. Mit Räumlichkeiten alleine ist es aber nicht mehr getan. Jetzt kommt auch noch Personalnot hinzu. 

Neunzehn Einrichtungen gibt es mittlerweile in Haar. Erst Anfang Mai sind zwei neue Einrichtungen am Kirchenplatz und in der Hans-Pinsel-Straße an den Start gegangen. Im Juni wird die Großtagespflege der Nachbarschaftshilfe in der Leibstraße eröffnet. „Bei meinem Amtsantritt 1992 waren es gerade mal fünf“, sagt Bürgermeister Dworzak. „Langsam fühle ich mich wie Sisyphus. Wir bauen, bauen um, mieten, aber die Warteliste wird und wird nicht kleiner.“ Gut 220 neue Plätze sind in den letzten beiden Jahren neu geschaffen worden. Mit 695 Kindergarten- und 192 Krippenplätzen liegt Haar im kommunalen Vergleich im oberen Drittel. Doch das ist für alle Eltern, die jetzt mit einem blauen Brief dastehen und um ihren Arbeitsplatz bangen, auch kein Trost. 

Gesetzliche Bedarfsgrenzen zu niedrig
„Bei den Kindergartenkindern haben wir eine Bedarfsdeckung von über 95 %, im Krippenbereich von gut 50 Prozent“, sagt Sachgebietsleiterin Birgit Stoppelkamp. Damit übererfüllt Haar die vom Bund gesezte 35 Prozent-Marke für Plätze für Kinder unter drei Jahren bei Weitem. Tatsächlich wollen aber rund 85 Prozent der Eltern eine Ganztagsbetreuung, zumindest in den Ballungsräumen der Großstädte. „Die Politik ist da zu kurz gesprungen“, beklagt Bürgermeister Dworzak. Die Neuregelung des Elterngelds, der zunehmende Druck auf dem Arbeitsmarkt, der Ruf nach mehr Flexibilisierung, die Aufweichung von Familienverbänden, die steigende Zahl von Alleinerziehenden, das alles sind nach Ansicht des Rathaus-Chefs Faktoren, die den Ruf nach mehr Kita-Plätzen schon für die ganz Kleinen verstärken. „Wie so häufig wurde mit dem Rechtsanspruch ab August 2013 ein ambitioniertes Ziel ausgegeben ohne mit denen gesprochen zu haben, die für die Umsetzung zuständig sind“, sagt Dworzak. „Bitten des Deutschen Städtetags um Aufschub oder Lösungsangebote wurden in Berlin erst kürzlich einfach abgeschmettert.“ 

Ausbildungsverkürzung keine Sofortlösung
Jetzt ist Haar in der glücklichen Lage einen ausgeglichenen Haushalt und beruhigende Rücklagen vorweisen zu können. Die Planung für die nächste Kita ist bereits in Arbeit. In der ersten Jahreshälfte 2013 könnte die nächste Krippe eröffnen. Die Gespräche laufen, der Gemeinderat wird sich in der nächsten Sitzung mit dem Thema beschäftigen.

Aber es geht schon lange nicht mehr nur um Gebäude und Räumlichkeiten. Es geht auch ums Personal, besser gesagt um fehlende Fachkräfte. In den Haarer Einrichtungen können trotz laufender Stellengesuche 15 Arbeitsplätze nicht besetzt werden. Zudem hat der Gesetzgeber den Anstellungsschlüssel angehoben: Das bedeutet künftig darf sich eine Erzieherin um maximal vier Krippenkinder kümmern. „Das macht aus pädagogischer Sicht Sinn, verdeutlicht aber, dass uns kurzfristig auch die vieldiskutierte Ausbildungsverkürzung nichts bringt“, sagt Birgit Stoppelkamp. „Ein Job in München ist für viele Fachkräfte aus dem ländlichen Raum überhaupt nicht attraktiv. Die Mieten sind hoch und die Gehälter niedrig. Der Anreiz Freizeitmetropole sticht unter diesen Umständen nicht.“ 

Ganz Deutschland sucht
Auch München kämpft um jede Stelle. „Die Kollegin hat von 400 nicht besetzten Stellen gesprochen“, erzählt Stoppelkamp. Die Konkurrenz ist groß. Deutschlandweit buhlen die Träger um die heißbegehrten Erzieher, Heilerzieher und Kinderpfleger. Luftballon-Aktionen sind schon gestartet worden und sogar mit Headhuntern hat man versucht, Fachleute zu ködern. „Wir können aufgrund der Tarifbindung nicht beliebig hohe Gehälter zahlen“, sagt Stoppelkamp. Dass sich die Lage mittelfristig entspannt, erwartet sie auch nicht. „Der ländliche Raum hinkt erfahrungsgemäß 15 Jahre hinterher. Der Wandel hin zu mehr professioneller Betreuung ist nicht aufzuhalten.“ Dennoch möchte die gelernte Erzieherin Stoppelkamp junge Eltern ermutigen, Vertrauen in die eigenen erzieherischen Fähigkeiten zu haben. „Eine geborgene Atmosphäre, Zeit und Zuwendung für ein Kind sind die besten Garanten für eine gesunde Entwicklung. Wer es sich leisten kann, für sein Kind eine berufliche Auszeit zu nehmen, tut seinem Kind sicher etwas Gutes.“ 

Mütter in die Kitas?
Doch was tun mit den dringlichen Fällen? Freie Plätze gibt es noch bei den Tagesmüttern der Nachbarschaftshilfe. Eine neue Kita kann Haar dieses Jahr nicht mehr aus dem Boden stampfen. Bürgermeister Helmut Dworzak ist überzeugt, dass die Staatsregierung in Sachen Personal neue Spielräume eröffnen muss. Die bereits praktizierte Anerkennung von Sozialpädagogen, Logopäden und Grundschullehrern für die staatliche Förderfähigkeit der Kitas wird da nicht ausreichen. Dworzak: „Wir müssen notfalls auch die engagierte, erfahrene Mutter als Zusatzkraft in die Gruppe nehmen dürfen. Es nutzt ja nichts nach Fachkräften zu schreien, wenn der Markt leer ist. Das hilft den Eltern auch nicht.“ 

Haar wird derweil – wie alle anderen Kommunen – weiter nach Personal suchen über Zeitungen, über Online-Stellenportale, über die Fachakademien. „Und hoffentlich auch über Mund-zu-Mund-Propaganda“, wünscht sich Birgit Stoppelkamp. „Die Standards in unseren Einrichtungen sich hoch. Deshalb quetschen wir auch nicht jede Gruppe über den Rand hinaus voll. Wir wollen unsere Kinder fördern, nicht nur aufbewahren.“ Vielleicht ist das ja ein Argument für Erzieher, eine Stelle in Haar anzunehmen. Haar bietet im Gegensatz zu anderen Trägern in erster Linie Vollzeitarbeitsplätze und unbefristete Arbeitsverhältnisse an.“

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